Abramowitschs Erbe in der Premier League
Spontane Explosion der Werbeeinnahmen
Neuer Investortyp Red Bull
Sponsoren und Investoren in der Bundesliga
Sonderfall RB Leipzig

Fast ging die Meldung in der Euphorie der Weltmeisterschaft ein wenig unter. RB Leipzig, der fünfte Verein des reichen Getränkeherstellers, verpflichtete mit Massimo Bruno den teuersten Spieler der laufenden Zweitliga-Saison; inoffiziell sprechen Experten sogar von einer Rekordablöse aller Zeiten. Wer sich jedoch freute, den Offensivspieler bald in der Leipziger Red Bull Arena spielen zu sehen, wurde enttäuscht. RB Leipzig verlieh Bruno direkt weiter an RB Salzburg, den zweiten Verein von Dietrich Mateschitz. In Salzburg darf Bruno nun Erfahrung sammeln und im besten Fall ein wenig Champions League spielen, bevor er bei Bedarf zurück nach Leipzig zieht.

Roman Abramowitsch

Roman Abramowitsch gilt als Archetyp des reichen Investors. (Bild: Marina Lystseva/Wikipedia unter GFDL 1.2)

RB Leipzig besitzt die finanziellen Möglichkeiten, um sich diesen Luxus leisten zu können. Ein Luxus, der nur wenigen anderen Vereinen zur Verfügung steht. Mehrere englische Vereine gehören dazu, die neureichen Monegassen des AS Monaco, die unterstützten Franzosen von Paris Saint-Germain und auch einige deutsche Vereine. Es sind Investoren, Sponsoren, Oligarchen oder Scheichs, die soviel Geld besitzen, dass sie es in eine Passion stecken – internationalen Fußball. Doch wo liegt der Unterschied zwischen den einzelnen Unterstützern? Wer agiert auf welcher Ebene und mit welchem Einfluss? Und was ist laut DFB wirklich erlaubt?

Abramowitschs Erbe in der Premier League


Als Chelsea London am 19. Mai 2012 den Champions-League-Pokal aus München entführte, lächelte ein Mann auf der Tribüne besonders selig – Roman Abramowitsch. Der Mäzen des Londoner Traditionsvereins blickte auf seinen Verein, den er seit fast zehn Jahren begleitete und in den er mehr als 950 Millionen Euro an Transfergeldern pumpte. Er blickte auf ein Projekt, das den Startschuss für viele weitere Nachahmer gab. Abramowitsch, der seine Milliarden hauptsächlich mit Öl und als Gouverneur der Region Tschutkotka verdiente, gab von Anfang an die Marschroute vor: Geld spielt keine Rolle, nur der Erfolg zählt. Dass Chelseas Erfolg aber nicht nur mit Verlusten begleitet wird, zeigte sich ebenfalls im seligen Lächeln Abramowitschs. Nach dem Titelgewinn erwirtschaftete der Londoner Klub erstmals seit dem Einstieg des Oligarchen einen Netto-Gewinn.

In der englischen Premier League werden Investoren keine Steine in den Weg gelegt. So ist es auch kaum verwunderlich, dass mehr als die Hälfte aller Teams von reichen Ausländern oder Familien unterstützt werden.

  • Manchester United: Malcolm Glazer (USA)
  • Chelsea London: Roman Abramowitsch (RUS)
  • Manchester City: Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan (UAE)
  • Arsenal London: Stan Kroenke (USA), Farhad Mishiri (Iran), Alisher Usmanow (RUS)
  • Liverpool FC: John W. Henry (USA)
  • Everton FC: Bill Kenwright, Robert Earl, Jon Woods (GBR)
  • Newcastle United: Mike Ashley (GBR)
  • Aston Villa: Randolph Lerner (USA)
  • Sunderland AFC: Ellis Short (USA)
  • Crystal Palace: Steve Parish, Stephen Browett, Jeremy Hosking, Martin Long (GBR)
  • Stoke City: Peter Coates und Familie (GBR)
  • Swansea City: 4 Investoren + Swansea City Supporters Trust
  • Tottenham Hotspurs: Joe Lewis (GBR)
  • West Bromwich Albion: Geoff Hale, Jeremy Peace (GBR)
  • West Ham United: David Gole, David Sullivan (GBR), CB Holding (ISL)
  • Hull City: Assem Allam (EGY)
  • Southampton FC: Markus Liebherr (SUI)

Ein Blick auf die letzten Meister der Premier League zeigt den Stellenwert der Investoren. Seitdem die Premier League als Unternehmen agiert (1992) gewann kein Verein die Meisterschaft, der nicht von einem externen Geldgeber unterstützt wurde. Selbst die Blackburn Rovers, die die Saison 1994/1995 als Ligaprimus abschlossen, konnten ohne die Hilfe des reichen Stahlmagnaten Jack Walker nicht erfolgreich agieren. Die Premier League versteht sich als Wirtschaftsunternehmen, in dem die Regeln der Marktwirtschaft gelten. Wer das nötige Kleingeld besitzt, kann mitspielen. Malcolm Glazer erkaufte sich sukzessive einen Aktienanteil von 98 Prozent und zahlte den restlichen Kleinanlegern eine Zwangsabfindung. Mittlerweile sitzen auch Glazers Söhne im Vorstand von Manchester United, der Verein gehört der Familie – zum Leidwesen der treuen Fans, denen die Identifikation verloren geht.

Wann platzt die Gehälterblase?

Durch den Einstieg der Investoren änderte sich nicht nur das Gehaltsgefüge drastisch. Wer nicht auf das Kleingeld schauen muss, verpflichtet nach Herzenslust. Chelsea London und Manchester City ändern das Grundgerüst ihres Teams fast jährlich und schrecken auch vor überzogenen Ausgaben nicht zurück. Besonders nach 2010 explodierten sowohl die Ablösesummen als auch die Gehälter. Wer bei Manchester City kickt, darf sich über einen monatlichen Lohnscheck von durchschnittlich 480.000 € freuen. Zum Vergleich: Der FC Bayern zahlt im Schnitt 380.000 € pro Monat. Im Gleichschritt verliert die Premier League aber auch einen großen Teil ihrer Gerechtigkeit. Der kleine FC Southampton, selbst mit einem finanzstarken Investor ausgestattet, verlor vor der Saison 2014/2015 einen Großteil des eigenen Kaders. Hoffnungsvolle Talente wechselten zu den Ligagrößen aus Liverpool, Manchester oder London.

Sponsor PSG

Nasser Al Khelaifi leitet PSG als Präsident. (Bild: Doha Stadium Plus/Wikipedia unter CC BY 2.0)

Als Southamptons Trainer Ronald Koeman vor der Saison zum Training lud, erschienen gerade einmal acht Spieler. Der Verein besitzt zwar Unmengen an Geld, kann dies jedoch kaum in gleichwertige Akteure ummünzen. Und so bleibt den Verantwortlichen von Southampton nichts anders übrig, als in die eigene Infrastruktur zu investieren und alte Schulden zu begleichen. Ein wichtiger Schritt für den Verein, der die Fans jedoch kaum vertrösten wird, wenn Southampton mit einem neuen Team nicht an die Erfolge der letzten Saison anknüpft. Ein weiteres Problem stellt das Financial Fair Play (FFP) der UEFA dar. Dieses besagt, dass Vereine nur kostendeckend arbeiten dürfen. In einem kleinen Markt wie Southampton ist dies kaum möglich. Hätte der Verein seine wertvollen Spieler langfristig binden wollen, wären enorme finanzielle Verrenkungen vonnöten gewesen – ein Schritt, der nicht zu stemmen war. Und selbst wenn sich Southampton um die besten Spieler auf dem Transfermarkt bemüht, reichen die eingenommenen Mittel immer noch nicht aus, um mit Scheich Mansour oder den Glazers zu konkurrieren.

Spontane Explosion der Werbeeinnahmen


Die Premier League steht mit dem marktoffenen System jedoch nicht allein da. Besonders in Frankreich formiert sich eine neue Welle unterstützter Vereine. In Paris wurde der über Jahre dahin darbende Verein Paris Saint-Germain (PSG) von der Qatar Sport Investment (QSI) Gruppe übernommen, die als bald einen Sponsorenvertrag mit der Tourismusbehörde Katars einfädelte. Der finanzielle Umfang des Deals beläuft sich auf 600 Millionen Euro. Zum Vergleich: Premium-Sponsor Deutsche Telekom zahlt dem FC Bayern München in vier Jahren gerade einmal 120 Millionen Euro. Mit dem Mega-Deal schlägt PSG gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Auf der einen Seite ist man finanziell so stark aufgestellt, dass selbst teuerste Transfers kein Problem darstellen; auf der anderen Seite umgeht man mit dem Sponsoring das FFP. Der Verein generiert so viel Geld pro Saison, dass die Kostendeckung kein Problem darstellt. Die enormen finanziellen Aufwendungen und die daraus folgende Ungerechtigkeit sind der UEFA jedoch ein Dorn im Auge. Im Rahmen des FFP verhängte der europäische Dachverband vor der Saison 2014/2015 eine Sanktion, durch die es PSG nicht möglich ist, in der Transferperiode mehr als 60 Millionen Euro auszugeben.

PSG umging die Strafe jedoch geschickt, in dem man Spieler mit Leihverträgen samt Kaufoption ausstattete. So war es den Verantwortlichen des Pariser Vereins möglich, neben David Luiz (50 Millionen Euro) auch Serge Aurier (10 Millionen Euro) auf Leihbasis zu verpflichten und die Ablösesumme auf die nächste Saison zu verschieben. „Wir wissen, dass wir nicht machen können, was wir wollen. Das Urteil trifft uns, aber wir haben Luiz und Aurier trotzdem bekommen“, sagte Trainer Laurent Blanc.

Wie sehr die Qatar Sport Investment mit dem Verein verwoben ist, zeigt auch ein Blick auf das Präsidentenamt. Mit Scheich Nasser Al-Khelaifi schwingt ein enger Freund des Besitzers der QSI das Zepter. Doch im Gegensatz zu Roman Abramowitsch und den Glazers, die einfach ein teures Spielzeug suchten, geht es der QSI nicht um sportlichen Erfolg. Es geht um den Aufbau einer globalen Marke, die eng mit Katar verbunden ist. Um das zu erreichen, schreckten die Besitzer auch vor einer Änderung des Logos nicht zurück; konnten jedoch von den Fans in ihren Bemühungen gestoppt werden. Paris´ Marketing-Manager berichtet auf der Konferenz „Hub Forum 2012“ von der neuen Ausrichtung: „Unsere Strategie ist es, uns von PSG weg auf Paris SG hinzubewegen – denn das Paris im Namen hat ungleich mehr Gewicht als das Saint-Germain.“

In Paris ist die Marktwirtschaft endgültig angekommen. Ein traditionsreicher Verein wird nach den Wünschen reicher Geldgeber umgebaut und als Werbemarke konzipiert. Wo Paris ist, ist auch Katar und die Tourismusbehörde. Als Gegenwert erhält der Verein Zugang zu enormen finanziellen Mitteln. Wie auch in der Premier League gibt es in der Ligue 1 kaum Beschränkungen, wie Vereine mit ihren Anteilen umgehen. Will ein Investor einsteigen, werden ihm vom Verband keine Steine in den Weg gelegt.

Zentralstadion Leipzig

Die Red Bull Arena im Herzen Leipzigs (Bild: Philipp/Wikipedia unter CC BY 2.0)



Ein neuer Investortyp betritt die Bühne


Somit sind bisher zwei verschiedene Investoren-Typen aufgetaucht. Auf der einen Seite stehen die passionierten Sportfans, die aberwitzige Millionensummen in ihren Verein pumpen, um sportliche Erfolge zu erzielen. Abramowitsch ist der Archetyp dieser Gattung. Zwar gehört der Verein zu großen Teilen immer den Investoren, wird jedoch in seinen Grundfesten nicht verändert. Anders sieht es bei den „Marktwirtschaftlichen“ aus, bei denen der sportliche Erfolg erst an zweiter Stelle kommt. In erster Linie übernehmen sie Vereine, um die eigene Marke zu pushen und die Verkäufe anzukurbeln. Paris oder Manchester können als Beispiele angebracht werden.

Mit Red Bull drängt nun ein dritter Investoren-Typ in die Reihe. Der Brausehersteller aus Österreich hat den Sport als Werbemaßnahme für sich entdeckt – jedoch anders als die QSI. Das Unternehmen von Dietrich Mateschitz beschränkt sich nicht darauf, als Sponsor aufzutreten, sondern übernimmt und verändert Vereine direkt zum Zweck des Marketings. Aus Austria Salzburg wurde mit großem finanziellen Aufwand RB Salzburg; und in der Major League Soccer änderte man die New York MetroStars zu Red Bull New York. Das Logo und die Ausrichtung des Vereins wurden komplett auf die Anforderungen des Unternehmens zugeschnitten. „Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einen Sponsor nur werblich erlebt oder auch redaktionell in der Berichterstattung über ein Ereignis“, sagt Mateschitz. „Wir kaufen nicht einfach für einen Koffer voller Geld einen Kotflügel, um ihn mit unserem Logo zu bekleben, wir betreiben unseren eigenen Rennstall, wir übernehmen selbst die Verantwortung.“

Ein Verein wie ein Rennstall

Mit seiner Aussage spielt Mateschitz auf Red Bulls Engagement im Rennsport an. Red Bull besitzt den erfolgreichsten Rennstall der vergangenen Jahre und installierte zudem mit Toro Rosso ein Farmteam, in dem Talente gefördert werden. Einen ähnlichen Weg scheint Red Bull nun auch im Fußball zu gehen. Die verschiedenen Vereine des österreichischen Unternehmens können sich völlig regelkonform die Spieler hin- und herschieben. Massimo Bruno ist nur das erste Beispiel.

Und obwohl das Engagement von Red Bull große Parallelen zu den englischen Investoren aufweist, gibt es doch einen großen Unterschied: Den Verein. Während sich Dietmar Hopp mit Hoffenheim oder Scheich Mansour mit Manchester City immer ein traditionsreiches Team kaufte, gründen die Österreicher Vereine als Marken einfach neu. Neben dem VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen ist RB Leipzig der einzige deutsche Verein, der auf Initiative eines Unternehmens gegründet wurde. Das Auftreten, das Logo und jeder Schriftzug sollen einen Bezug zum Mutterunternehmen herstellen. Red Bull geht damit einen völlig neuen Weg im deutschen Fußball, der sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Um das zu verstehen, muss man in die Strukturen anderer Vereine und die Rechtslage von DFL und DFB schauen.

Gebäude DFB

Die DFB Zentrale in Frankfurt am Main (Bild: Thomas Pusch/Wikipedia unter CC BY-SA 3.0)



Sponsoren und Investoren in der Bundesliga


In den Statuten des DFB ist die 50+1-Regel verankert, die die Stimmmehrheit der Muttervereine garantieren soll. Externe Geldgeber (Kapitalanleger) sollen keine Möglichkeit besitzen, mehrheitlichen Einfluss auf das Tagesgeschäft des Teams zu nehmen. Gleichzeitig räumt die Regelung den Investoren jedoch die Möglichkeit ein, den größeren Teil des Kapitals zu besitzen. Der DFB installierte die Satzung, um Übernahmen, wie sie in der Premier League üblich sind, zu unterbinden und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit der Vereine nicht zu untergraben. Die FC Bayern München AG veräußerte in den letzten Jahren insgesamt 24,9 Prozent ihrer Anteile an drei Unternehmen und kassierte dabei mehr als 250 Millionen Euro. Mit mehr als 75 Prozent hält der Verein FC Bayern München e.V. weiterhin die Stimmmehrheit, gewährt den Geldgebern jedoch einen Sitz im mächtigen Aufsichtsrat und ermöglicht weitreichende Sponsoring-Möglichkeiten.

Der Regionalliga-Verein FC Carl Zeiss Jena veräußerte 49,98 Prozent seiner Stimmen und 95 Prozent seiner Anteile an die Staprix NV und erhielt dafür 2 Millionen Euro; das Kapital der börsennotierten Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA liegt nur zu 7,24 Prozent beim BVB 09 e.V. Dortmund. Das restliche Kapital verteilt sich auf einen Großinvestor und mehrere Kleinanleger. Will ein Investor bei einem deutschen Verein einsteigen, darf er auf Kapitalanteile der Gesellschaft zugreifen; allein die Stimmmehrheit bleibt ihm jederzeit verwehrt. Dass die Regelung nicht nur Vorteile bietet, wird innerhalb der Liga-Verantwortlichen schon lange diskutiert. Hannover 96 Präsident Martin Kind engagiert sich seit Jahren für die Öffnung an gewinnorientierte Investoren. Nach einer rechtlichen Auseinandersetzung mit dem DFB erreichte Kind, dass Investoren und Gewerkschaften die 50+1-Regel außer Kraft setzen können, wenn sie sich länger als 20 Jahre in dem Verein engagieren.

Im Klartext bedeutet dies, dass die „Hannover 96 GmbH & Co. KGaA“ im Jahr 2017 die Stimmmehrheit an Investoren verkaufen könnte und den Verein Hannoverscher SV von 1896 e.V. komplett aus dem Profifußball verdrängen könnte. Doch auch aktuell stößt die 50+1-Regel an ihre juristischen Grenzen. Dietmar Hopp, Mäzen des Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, stellt 96 Prozent des Kapitals und hält 49 Prozent der Stimmen. Gleichzeitig kontrolliert Hopp den Verein, der die restlichen 51 Prozent in sich vereint. Allein durch die finanzielle Abhängigkeit kann theoretisch Druck ausgeübt werden. Das zeigt sich ebenfalls am Beispiel Hamburger SV. Der Investor Klaus-Michael Kühne hält zwar keine Kapitalanteile, unterstützt den Verein jedoch seit Jahren massiv. Kühne ermöglichte den Rückkauf von Rafael van der Vaart und stellte dem HSV einen zweistelligen Millionen-Kredit in Aussicht, wenn das Reformpaket „HSVplus“ verwirklicht wird. Über dieses Vorgehen beschwerte sich Hans-Joachim Watzke im Interview: „Dieses permanente Mit-dem-Geld-Winken und dann sagen: Wenn ihr das Geld wollt, müsst ihr aber das tun, was ich will – das ist unanständig und gefällt mir nicht. Dadurch hat der HSV nun eine schwierige Situation.

Sonderfall RB Leipzig


Dennoch: Die Vereine bleiben grundsätzlich unangetastet und behalten die Stimmmehrheit innerhalb der Kapitalgesellschaft – auch wenn der größte Anteil des Kapitals bei Investoren liegt. Im Falle Red Bull/ RB Leipzig verhält sich die Sachlage jedoch ein wenig anders. Das österreichische Unternehmen gründete den Verein nicht nur und versorgt ihn mit frischem Kapital, sondern vergab das Stimmrecht nur an Red-Bull-nahe Personen. Der Verein ist abhängig von einem Unternehmen, daran gibt es nichts zu rütteln. Offiziell kollidiert das Konstrukt nicht mit den Statuten des DFB. Doch in der Zentrale des größten Sportverbands der Welt dürfte klar sein, dass das österreichische Unternehmen die Stimmmehrheit am Verein Rasenballsport Leipzig e.V. hält. Alle bisherigen Mitglieder kommen aus dem direkten Umfeld von Dietrich Mateschitz; Red Bull leitet den Verein. Dem DFB ist vor allem der Beitrag ein Dorn im Auge, mit dem neuen Mitgliedern der Zugang zum Verein erschwert werden soll.

Wer sich als Mitglied bei RB Leipzig bewirbt, erhält das RB-Magazin und (bei höheren Mitgliedsbeiträgen) ein Poloshirt und ein Fitnesstraining. Allein ein Stimmrecht, die Möglichkeit der Mitbestimmung und der Einflussnahme fehlt. Wo andere Vereine ihre Mitglieder über wichtige Entscheidungen zur Wahl bitten, verschanzt sich RB Leipzig im Hinterzimmer und trifft Entschlüsse ohne die Fans. „Wir nehmen die 50+1-Regel sehr ernst. Und wenn ein Klub als Verein und nicht als Kapitalgesellschaft auftritt, muss er seinen Mitgliedern die Möglichkeit der Mitbestimmung geben. Das ist der Geist der 50+1-Regel und ein hohes Gut“, sagt Andreas Rettig, Geschäftsführer der DFL.

Weitere Problemfälle der 50+1-Regel

  • TSV 1860 München: Investor Hasan Ismaik hält 49 Prozent der Anteile; übt mit seinem Geld und der Drohung des Geldentzugs Druck auf das Tagesgeschäft aus
  • VfL Wolfsburg: Die Volkswagen AG hält 100 Prozent der Stimmanteile der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH
  • Bayer Leverkusen: Die Bayer AG hält 100 Prozent der Stimmanteile der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH
  • TSG 1899 Hoffenheim: Dietmar Hopp hält 96 Prozent der Kapitalanteile und 49 Prozent der Stimmanteile der Kapitalgesellschaft. Gleichzeitig unterliegt die stimmgewaltige „Turn- und Sportgemeinschaft 1899 Hoffenheim e.V.“ seiner Kontrolle

Eine rechtliche Gratwanderung

Die 50+1-Regel wird jedoch nur angewendet, wenn es um die Steuerung einer ausgelagerten Kapitalgesellschaft Fußball geht. Der FC Bayern München e.V. hält die Stimmmehrheit an der FC Bayern München AG; der BVB 09 e.V. Dortmund an der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. In Leipzig greift die 50+1-Regel jedoch nicht, da Rasenballsport Leipzig keine ausgelagerte Kapitalgesellschaft besitzt. Das bedeutet, dass sich die Mitglieder weiterhin in einem elitären Zirkel aufhalten dürfen und neuen Mitgliedern das Stimmrecht entzogen wird. Red Bull gründete einen Verein, um die Mehrheitsregel zu umgehen. Ohne Aufsichtsrat. Ohne Vorstand.

Es ist eine Gratwanderung, auf die sich Red Bull mit dem Engagement in Leipzig begibt. Jede Klausel, jedes Logo und jeder Auftritt wird vom DFB mit Argus Augen beobachtet. Die geschickte Aushebelung der 50+1-Regel könnte der Prototyp für weitere Engagements in Deutschland werden. Warum sollte sich ein Investor mit einem Werbeplatz oder einem Kapitalanteil zufriedengeben, wenn er im Rahmen der DFB-Statuten direkt einen eigenen Verein besitzen kann, der als Werbefläche fungiert? Red Bull, als neuer Investortyp, darf über das Schicksal des Vereins Rasenballsport entscheiden. Steigt der Investor aus, steht das gesamte Konstrukt auf tönernen Füßen und könnte in sich zusammenbrechen. Doch bis dahin formt Red Bull weiterhin einen Klub nach seinen Vorstellungen und installiert nebenbei den mächtigsten Investortyp in Deutschland: den Konzeptinvestor. Jetzt ist es am DFB zu entscheiden, ob und wie diese Art des finanziellen Engagements rechtlich verankert werden kann.