Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff immer als letztes. Und im Fußball verlässt der Kapitän den strahlenden Sieger eben als erstes. Etwas überraschend erklärte Philipp Lahm seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Noch vor knapp einer Woche reckte er in Rio de Janeiro den wichtigsten Pokal der Fußballwelt in den brasilianischen Nachthimmel.

Löw wusste alles

Bundestrainer Joachim Löw wusste schon seit Montag Bescheid, DFB-Präsident Niersbach wurde erst am Morgen von Philipp Lahm informiert. „Dieser Entschluss ist in mir während der letzten Saison gereift“, wird der frisch gebackene Weltmeister von „bild.de“ zitiert. Wolfgang Niersbach erklärte in einem Statement auf der Verbandshomepage des DFB, dass Lahm am Telefon einen bestimmten Eindruck hinterließ: „Ich sehr schnell gemerkt, dass es aussichtslos ist, ihm seine Entscheidung ausreden zu wollen.“

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Lahms letzte Amtshandlung als Kapitän der Nationalmannschaft: Feiern! (Bild: Agência Brasil/Wikipedia unter CC BY 3.0 BR)

Reaktionen zum Lahm-Rücktritt
Lukas Podolski (Nationalspieler via Twitter): „Philipp, es war mir eine Ehre mit Dir Seite an Seite zehn Jahre beim DFB und drei Jahre für Bayern zu fighten, zu spielen und Erfolge zu feiern.“Angela Merkel (Bundeskanzlerin): „Ich möchte ihm meinen größten Respekt für das aussprechen, was er für die Nationalmannschaft geleistet hat.“Gary Lineker (Ex-Fußballprofi via Twitter): „Philipp Lahm ist vom internationalen Fußball zurückgetreten. Ich dachte, er wartet noch ein bisschen und versucht dann auf dem Höhepunkt zu gehen.“

 

Lahm auf dem Höhepunkt

Die Aussage Linekers muss einem Augenzwinkern gelesen werden. Denn Philipp Lahm befindet sich, zumindest was die Nationalmannschaft angeht, eindeutig auf dem Höhepunkt. Er geht als Weltmeister.

Dafür hat er zehn Jahre im DFB-Team gearbeitet, dafür hat er 113. Länderspiele absolviert und sich so zu einem der wichtigsten deutschen Fußballer emporgearbeitet. Nur Lothar Matthäus, Lukas Podolski und Miroslav Klose haben mehr Länderspiele auf dem Buckel.

 

Zehn Jahre Nationalmannschaft

Philipp Lahm ist einer, der die Verwandlung des DFB mitgetragen hat wie kein Zweiter. Als er debütierte, spielte die Nationalmannschaft noch unansehnlichen Rumpelfußball. Zehn Jahre später herrscht gepflegtes Kurzpassspiel auf hohem technischen Niveau. Und bei der WM ging Lahm mit gutem Beispiel vorweg: keiner spielte so viele Pässe in der gegnerischen Hälfte wie der Außenverteidiger.

Fragt sich, wer seine Rolle nun einnimmt, wer beim Rematch gegen Argentinien am 3. September die Kapitänsbinde trägt und wer auf seiner Außenbahn verteidigen wird. Schon wieder kommt viel Arbeit auf Joachim Löw zu.

Bayern, was sonst?

Lahms Zukunft ist dennoch geklärt. Schon vor der Weltmeisterschaft unterschrieb er einen neuen Vertrag beim FC Bayern München, weil er sich nicht vorstellen könne, irgendwo anders zu spielen. „Es gibt keinen Grund zu gehen“, sagte er beim amerikanischen Sportsender ESPN.

Aber Lahm, das beweist nicht nur der plötzliche Abschied aus der Nationalmannschaft, hat seinen eigenen Kopf. Vielleicht wechselt er den Verein ja doch nochmal. Und vielleicht überredet Löw seinen Kapitän ja doch irgendwann zum Comeback.