Deutschland ist Weltmeister. In einem spannenden und nervenaufreibenden Spiel voller Fouls, Schmerzen und Rivalität setzte sich das DFB-Team gegen Argentinien mit 1:0 durch. Das entscheidende Tor erzielte der im Vorfeld gescholtene Mario Götze auf unnachahmliche Weise. Deutschland tritt damit in die Fußstapfen von Spanien und will ebenfalls eine Ära prägen.

Pokal Schweinsteiger

Weltmeister 2014: Bastian Schweinsteiger (Bild: Agência Brasil/Wikipedia unter CC BY 3.0 BR)

Es ist ein komischer Nebel, der durch die Köpfe der deutschen Fans wabert. Die Euphorie über den vierten WM-Titel des DFB-Teams kämpft einen Tag nach dem WM-Finale gegen die Müdigkeit und das Begreifen. Denn so richtig greifbar ist die historische Tragweite noch nicht. Bis tief in die Nacht mussten die in schwarz, rot, gold gekleideten Fans bangen. Sie litten mit Schweinsteiger, Kramer und Müller, die sich ein ums andere Mal den argentinischen Angriffen erwehrten. Sie schrien, als Höwedes und Schürrle denkbar knapp am Pfosten oder an Romero im gegnerischen Tor scheiterten. Und sie krallten sich in Kissen und Oberschenkel, um den unerträglichen Druck auszuhalten, der durch die gefährlichen Gegenangriffe entstand.

Ein Land im Freudentaumel

Mit dem Tor von Mario Götze (113. Minute) löste sich der eng sitzende Knoten endgültig. In den verschiedensten Facetten jubelten die Fans auf den Fanmeilen und im privaten Umfeld. Mit Tränen in den Augen, vor Freude schreiend oder ganz still und in sich gekehrt bejubelten sie, wie Götze eine Flanke von André Schürrle auf fast schon poetische Art verwertete. Eine flüssige Bewegung, ein Moment der Freiheit, ein kurzer Geistesblitz – mehr brauchte es nicht, um den Ball in den Maschen des argentinischen Tors zu versenken. Götze, der während der WM von Experten und Fans angegriffen, dessen Karriereverlauf infrage gestellt wurde und der auch im Finale an den Erwartungen zu scheitern drohte, bewies allen Kritikern, dass er noch immer eines der größten Talente des internationalen Fußballs ist.

Dabei sah es für die Deutsche Nationalmannschaft lange Zeit nicht gut aus. Niemand erwartete, dass Löws Team nach Brasilien auch den nächsten Südamerikaner vom Platz fegt; doch die Argentinier bewiesen während der gesamten Spielzeit, dass sie zurecht im WM-Finale stehen und machten der deutschen Mannschaft das Leben schwer. Mit einer harten Gangart und einer exzellenten Defensive trieben sie Müller, Klose und Schürrle ein ums andere Mal zur Weißglut und setzten über den pfeilschnellen Messi oder den starken Lavezzi eigene Ausrufezeichen. Besonders der viermalige Weltfußballer brachte die deutsche Hintermannschaft mit seinen Tempodribblings ins Schwimmen. Immer wieder halfen Schweinsteiger oder Müller aus, um Messis Läufe zu stoppen.

Boateng: Der heimlich unheimliche Superstar

Glücklicherweise besaß Deutschland in Jerome Boateng den Spieler des Tages auf der eigenen Seite. Der oft als Phlegmatiker bezeichnete Innenverteidiger zeigte die wohl beste Leistung seiner Karriere und stoppte die Argentinier – mal elegant, mal brachial, dabei immer innerhalb der Regelgrenzen. Boateng riss den Bereich vor Manuel Neuers Tor an sich. Wer in den Strafraum wollte, musste erst den Hünen davor bezwingen. Sinnbildlich steht dabei eine Szene am Ende der zweiten Halbzeit. Während Messi mit Zug zum Tor zog und mehrere deutsche Spieler aussteigen ließ, setzte Boateng zum Sprint an und grätschte den Ball humorlos weg. Und so blieb Messi die Krönung seiner unglaublichen Karriere im Jahr 2014 verwehrt. Zwar wurde der argentinische Superstar nach dem Finale mit dem Goldenen Ball als bester Spieler ausgezeichnet; doch der Makel der Finalniederlage und der eigenen Tatenlosigkeit klebt an Messis wertvollen Beinen.

Ein sensationelles Tor von Götze! Diese Jungs sind verdient Weltmeister. Sie sind unsere würdigen Nachfolger! – Andreas Brehme, Weltmeister 1990

Allerdings könnte Messis Zeit noch kommen. Schweinsteiger und Lahm bewiesen im Finale und während der kompletten Weltmeisterschaft, dass es neben einer gehörigen Portion Talent vor allem Erfahrung benötigt. Die beiden Führer der Deutschen Nationalmannschaft mussten erst durch persönliche Tiefen gehen, um am 13. Juli 2014 als Könige des Fußballs über den Köpfen der internationalen Fans zu thronen. Verlorene Endspiele auf Vereins – und DFB-Ebene, schlimme Niederlagen gegen Italien oder Spanien und nicht zuletzt zahlreiche Verletzungen besetzten die „Goldene Generation“ mit einem Makel, der nicht zu verschwinden drohte. Ging es um entscheidende Endspiele, scheiterte die wohl beste Generation seit den 1970er Jahren. Erst mit den Jahren und nach zahlreichen Enttäuschungen schaffte es das Team, ein Selbstverständnis zu entwickeln, das in die Geschichtsbücher eingeht.

Weltmeister 2014 – Das Meisterstück von Lahm, Löw und Schweinsteiger

Die Mischung aus erfahrenen Stars und aufstrebenden Talenten passte für diesen einen Moment perfekt. Die Stimmung war laut Aussage von Schweinsteiger und Bierhoff grandios, jeder arbeitete gemeinsam für das große Ganze und stellte eigene Bedürfnisse hinten an. „Es ist unglaublich. Es ist ein großartiges Erlebnis. Wir hatten alle einen unglaublichen Zusammenhalt schon seit der Vorbereitung, als wir ein paar Rückschläge hatten und Spieler wie die Benders oder Marco Reus verloren haben, die aber auch Weltmeister sind“, sagte ein sichtlich freudiger Manuel Neuer nach dem Spiel im Interview.

Joachim Löw als Architekt der Mannschaft zog sich im Moment des größten Triumphs zurück. Während die Spieler auf dem Rasen feierten, lief er gemeinsam mit Oliver Bierhoff und Hansi Flick über den Rasen des ehrwürdigen Maracana und dachte sicher noch einmal an seine Entscheidungen, die sich im Nachhinein alle als richtig herausstellten: Wie er Philipp Lahm ins Mittelfeld zog, um die Viererkette ausschließlich mit gelernten Innenverteidigern zu besetzen; wie er Mesut Özil auf den Flügel versetzte, um von dort das Spiel zu öffnen; wie er mit Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger zwei Spieler durch das Trainingslager schleifte, um ihre Qualitäten in den richtigen Momenten zum Vorschein kommen zulassen. Es war nicht immer leicht für ihn, der jeden Gegner taktisch bis ins kleinste Detail analysiert; doch es hat sich gelohnt. Ohne Joachim Löw würde die Goldene Generation bis 2018 nicht als Weltmeister auftreten.

Es war beeindruckend zu sehen, wie das Team zu einer Einheit zusammengewachsen und mit welcher Willensstärke es aufgetreten ist. Die beste Mannschaft des Turniers ist Weltmeister geworden. – Silvia Neid, Nationaltrainerin DFB-Frauen

Twitterwatch – So reagiert die Welt auf Deutschlands WM-Titel