Nur noch zwei Schritte sind zu gehen, dann könnte die Nationalmannschaft am 13. Juli in Rio de Janeiro den WM-Pokal in die Höhe strecken. Doch vorher wartet jene Hammeraufgabe, die schon im Vorfeld des Turniers immer wieder diskutiert wurde: im Halbfinale geht es gegen den Gastgeber Brasilien, die ihrerseits zwei Köpfe der Mannschaft ersetzen müssen.

Freitagabend, Viertelfinale, kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit ereignete sich in Fortaleza aus brasilianischer Sicht Dramatisches. Brasilien verteidigte mit Mann und Maus die knappe 2:1-Führung gegen wütend anrennende Kolumbianer und erhielt nur selten Spielanteile. Wenn sie den Ball führten, sprangen ein ums andere Mal die nördlichen Nachbarn aus Kolumbien dazwischen. Die Fairness blieb unweigerlich auf der Strecke.

Torschütze Brasilien

Superstar Neymar fällt mit einem Lendenwirbelbruch aus. (Bild: copa2014.gov.br/Wikipedia unter CC BY 3.0)

Das Neymar-Drama

Zum prominenten Opfer eines brutal wirkenden Kniestoßes in die untere Rückenpartie wurde Brasiliens Superstar Neymar, einer der meist gefoultesten Spieler dieser Weltmeisterschaft. In der 88. Minute war es Zuniga der Neymar von hinten umrannte. Der krümmte sich mit Schmerzen und Tränen in den Augen auf dem Boden, wurde in der Wanne vom Platz getragen und bekam kurze Zeit später die vernichtende Diagnose: Bruch des dritten Lendenwirbels und WM-Aus.

Auf Neymars Schultern ruhten die Hoffnungen aller Brasilianer. Sein Ausfall bedeutet eine klare Schwächung der Offensive. Denn Neymar entwickelte sich im Laufe des Turniers mit seinen vier Treffern zum besten Torschützen der Seleção. Das Duell der beiden Toptorjäger zwischen Neymar und Müller, der ebenfalls vier Tore auf seinem Konto hat, bleibt dem Zuschauer also verwehrt.

Der Ausfall ist für Brasilien Gefahr und Chance zugleich. Dass Brasilien seinen individuell besten Spieler verloren hat, steht außer Frage. Dass das Team über genügend Potenzial verfügt sein Fehlen vergessen zu machen allerdings auch. Mit Willian von Chelsea London und Bernard von Schachtar Donezk drängen sich zwei Spieler auf, die ähnliche Attribute aufweisen wie Neymar: intelligent, schnell, trickreich und flink. Für Willian spricht, dass sein Teamkollege Oscar ebenfalls in der Startelf steht und er als absoluter Publikumsliebling gilt.

Brasiliens Abwehrboss

Insgesamt sechs Spieler gingen gelbvorbelastet in die Viertelfinal-Partie gegen Kolumbien. Der Einzige, der sich seinen zweiten Karton abholte und daher für ein Spiel gesperrt wurde, ist Brasiliens Kapitän und Abwehrboss Thiago Silva, der zuletzt gar als Torschütze brillierte. Sein Ersatz kommt aus München und ist deswegen auch für die deutschen Fans besonders interessant. Für Thiago Silva wird der FC Bayern-Profi Dante auflaufen, der Spielsystem und -idee sowie die Stärken und Schwächen der deutschen Spieler so gut kennt wie kein anderer Brasilianer.

Einerseits ist Thiago Silvas Fehlen ein Nachteil für Brasilien. Er ist der Spielführer, wirkt allein durch seine Körpersprache wie echter Leader und wird daher nur schwer zu ersetzen sein. Andererseits passt sein Ersatz sportlich perfekt in diese Partie. Wenn Brasiliens Coach Luiz Felipe Scolari das Führungs-Vakuum an der Spitze füllen kann und Dante seine volle Leistungsfähigkeit erreicht, kann Thiago Silva, im Gegensatz zu Neymar, noch auf eine Finalteilnahme hoffen.

Statistikecke

Auf den Innenverteidiger kommt viel Arbeit zu. Im Schnitt hatte Deutschland in den bisherigen fünf Spielen einen Ballbesitz von 60,7 %. Brasilien schaffte es im Vergleich nur auf 53,5 %. Und kein anderes Team spielt so viele Kurzpässe wie die Deutschen. Auf 578 Pässe pro Partie brachten es Jogis Jungs, über hundert mehr als der Zweitplatzierte. Auch in Sachen Passgenauigkeit macht den Deutschen keine andere Nation etwas vor: 86,7 % aller Pässe fanden ihr Ziel, nur Italien war besser. Brasilien spielt mit deutlich mehr Risiko, brachte nur 81,1 % an den Mann und gab nur 337 Kurzpässe ab.

Im Luftkampf sind die Brasilianer allerdings unschlagbar, gewannen mit 62,7% so viele Kopfballduelle wie kein anderes WM-Team. Gut möglich, dass das Team des Gastgeberlandes auch wieder nach einer Standardsituation trifft. Schon vier Tore nach ruhendem Ball konnten sie erzielen und führen damit gleichauf mit Deutschland diese Wertung an. Beide stehen auch zusammen am Ende einer anderen Tabelle: Keiner hat bisher einen Aluminiumtreffer zu verzeichnen.

Thomas Müller als Nationalspieler

Thomas Müller und das deutsche Team beeindrucken vor allem mit einer grandiosen Passquote. (Bild: Steindy/Wikipedia unter CC BY-SA 3.0)

In Acht nehmen muss sich Deutschland vor allem vor der für Brasilien untypischen Treterkultur. Die Nation des „Joga Bonito“ beging bisher die meisten Fouls im Turnier, wurde aber gleichzeitig so oft gefoult wie kein anderes Team. Gut möglich, dass die Halbfinal-Partie zum intensivsten WM-Spiel Deutschlands wird, in dem sie mit wenig Ballbesitz operieren müssen. Einige Brasilianer wollen ihre Chance nutzen, aus Neymars Schatten herauszutreten. Mit Dante steht außerdem ein Gegenspieler auf dem Platz, der die Spieler des DFB-Teams und die Bundesliga auswendig kennt. Der erste Schritt ist immer der schwerste. Hoffentlich gilt das nicht für das Halbfinale Deutschland gegen Brasilien.